Religionen und Christentum

Als Jugendliche hörte ich oft, das Christentum sei keine Religion, sondern vertrete die Wahrheit, während die Religionen nur einen bestimmten (und oft verfälschten) Blick

auf die Wahrheit hätten. Mich hat das schon damals nicht recht überzeugen können, zumal ich als Kind lange Zeit Mahatma Gandhi für den besten noch lebenden Christen gehalten hatte, bis ich erfuhr, dass er Hindu ist.

Heute denke ich, alle Religionen (und ich zähle das Christentum bewusst dazu) dienen dazu,

die Menschen in einer als chaotisch, überwältigend, unübersichtlich und bedrohlich erlebten Welt zu beheimaten, ihnen ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln, indem sie eine Beziehung zu der Kraft oder den Kräften stiften, die Macht über diese Welt haben, oder die in ihr wirkenden Mächte verkörpern.

Dazu passt, dass viele Menschen in unserm Kulturkreis Religion für überholt halten, weil sie „an die Naturwissenschaften glauben“ und damit daran, dass wir Menschen die Welt „in den Griff kriegen können“. Ich halte das auch für eine Art von Religion, aber ich respektiere die Abneigung vieler selbstbewusster Menschen dagegen, sich von einem unbekannten Wesen abhängig zu fühlen, noch dazu wenn „Fachleute“ auftreten, die behaupten, im Namen dieses unbekannten Wesens bestimmte Forderungen erheben und „Gebote“ verkünden zu können.

 

Mich hat ein Bild von Nietzsche beeindruckt: er spricht davon, dass es gefährlich ist, „durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen“, weil man dann

ahnen würde, dass der Mensch „auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen,…gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen“ hängt. Das heißt: die Welt ist Chaos, die Ordnung, die wir in ihr finden, sehen wir hinein, weil unser Bewusstsein Kategorien schafft, damit wir das Gesehene und Erlebte einordnen können. Immerhin erstaunlich, dass diese gewissermaßen nur durch unser begrenztes Aufnahmevermögen bedingte Ordnung es möglich macht, dass man die Bahn einer Weltraumkapsel so genau berechnen kann, dass sie den Mond erreicht.

Andererseits wissen wir alle, dass es weitaus Wichtigeres gäbe, als den Mond zu erreichen, was wir durch alle Berechnungen nicht sicherstellen können.

 

Mir selbst gefällt die Vorstellung, dass die Welt ein Chaos ist, wo vieles Sinnlose einfach passiert, besser als die Vorstellung einer wohlgeordneten Welt, in der alles einem guten Ziel dient, das es zu erkennen, oder worauf es zu vertrauen gilt.

Nicht dass ich ein Problem damit hätte zu vertrauen, aber ich mag die Art von Pädagogik nicht, die Menschen „zu ihrem Besten“ plagt, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, es zu verstehen. Ich mag das bei Menschen nicht und auch bei Gott nicht. Deshalb stelle ich mir Gott anders vor, d.h. vielleicht ist es eher so, dass ich ihn anders kennen gelernt habe und  deshalb mit dieser Vorstellung nichts anfangen kann. Mir genügt die Zusage und das auch immer wieder (nicht immer) Erleben, dass ich in dem Chaos nicht allein gelassen und verloren bin. Für mich verliert dies Erleben nicht dadurch an Wert, dass es meistens durch Menschen vermittelt wird, ich denke wir alle können „Werkzeug Gottes“ sein, aber genauso gern danke ich meinen Mitmenschen für ihre Hilfe und ihre Nähe. Manchmal hatte ich aller-dings ein aus der Situation heraus nicht zu erklärendes Gefühl der Sicherheit, dass ich das schon gewissermaßen als Stimme Gottes verstanden habe.

Und das kommt natürlich aus dem christlichen Weltbild, mit dem ich aufgewachsen bin, mit dem ich in vielem übereinstimme, in manchem weniger, und dessen Gottesbild für mich jedenfalls nicht in allen Punkten identisch ist mit Gott, so wie ich ihn kenne und mit ihm lebe.

Da ich vielfach erlebt habe, dass Menschen sich von der Kirche entfremdet haben und sich selbst als „nicht richtig glaubend“ erlebt haben, weil sie mit vielem, was sie gehört haben, nichts anfangen konnten oder ihr Gefühl sich sogar heftig dagegen wehrte, erscheint es mir wichtig zu sagen, dass es schon in der Bibel viele verschiedene Gottesbilder, oder vielleicht sollte man besser sagen „Gottesbeziehungen“ gibt. Das Bild von Gott als Vater hat viel von seiner Geborgenheit vermittelnden Kraft verloren, seit wir wissen, wie häufig Kinder von Vätern sexuell missbraucht werden.  Immer werden die Kultur, in der man lebt, die Zeit, in der man lebt und das persönliche Schicksal die Beziehung zu Gott mitbestimmen. 

Schon deshalb halte ich es nicht für eine Schmälerung des Christentums, wenn ich für möglich halte, dass Menschen in anderen Religionen auch in Beziehung zu Gott leben können. Und wenn sie ihn auch anders nennen als ich und z.T. andere Geschichten von ihm erzählen, so bin ich doch überzeugt, dass es letztlich der selbe Gott ist.

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